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Artikel 05/2020 Das Fremde tolerieren
Liebe Schwester, lieber Bruder,
wie wirkt das Fremde auf dich? Bist du neugierig oder willst du nichts Neues kennenlernen? Bist du aufgeschlossen und offen gegenüber anderen Kulturen und anderen Geschwistern, oder willst du mit Unbekanntem nichts zu tun haben?
Manchmal kostet es eine Überwindung, aus dem Alltagstrott und der gewohnten Umgebung auszutreten, um nach neuen Ufern Ausschau zu halten. Es gibt die Sesshaften, die nie ihr Dorf oder ihre Stadt verlassen haben und die Unruhegeister, die es in die Ferne zieht. Nicht jeder muss überall hinreisen, nicht jeder muss sich für alles interessieren, nicht jeder muss alles mitmachen, nicht jedem muss alles gefallen. Die Unterschiede machen eine Gesellschaft aus. Solange der Einzelne nicht gezwungen wird, Umstände zu akzeptieren, mit denen er nicht einverstanden ist, solange herrscht ein friedliches Klima in einer Gesellschaft. Unruhe kommt dann auf, wenn dem Einzelnen zu viel Neues zugemutet wird. Hier baut sich schnell ein Widerstand auf, der leicht zu einem größeren Konflikt ausarten kann, vor allem, wenn die Zumutung beständig zunimmt.
Der Flüchtlingsstrom von 2015 nach BRD und in die EU stellte viele Bürger auf eine harte Probe. Nicht immer sind alle Bürger fähig Fremde in ihrem Land zu akzeptieren. Besonders dann nicht, wenn eine Bevölkerung von der Regierung nicht umfassend aufgeklärt wird und die Zumutbarkeit überschritten wird. Bei aller Liebe, alles hat seine Grenzen und diese müssen auch geachtet werden. Wenn diese Achtung fehlt, bauen sich schnell zwei Lager auf, die Befürworter und die Gegner. Immer wenn sich zwei Lager bilden, bringt dies Ärger im Schlepptau. Damit sich keine zwei Lager bilden, muss von Seiten der Regierung ein akzeptabler Kompromiss gefunden werden, der beiden Seiten gerecht wird. Wenn dies nicht gelingt, weitet sich der Konflikt aus.
Der Machtkampf zwischen einigen führenden Politikern wäre unnötig gewesen, wenn die Verantwortlichen nicht so stur und eigenwillig reagiert hätten. Der Bürger musste glauben, es wird über seinen Kopf hinweg entschieden und er hätte keine Stimme. So glaubten einige, die das nicht akzeptieren wollten, sie müssten sich nach Alternativen umsehen, um gehört zu werden. Die Weisheit und Weitsicht so mancher Politiker lässt leider zu wünschen übrig.
Politiker sollten gleichzeitig Diplomaten und Psychologen sein, um die Grenzen der Zumutbarkeit und die Befindlichkeiten der Bürger erkennen zu können. Ein Politiker muss dem Willen eines ganzen Volkes gerecht werden und sich nicht auf nur eine Seite schlagen. Wenn er dazu nicht fähig ist, sollte er erst gar nicht antreten.
Alle Meinungen unter einen Hut zu bringen, ist jedoch bei einer Vielparteienlandschaft nicht so leicht. Manchmal scheint es, als wollten einige Politiker nur ihre persönliche Meinung durchsetzen und nicht auf die Stimme des Volkes hören. Dies führt automatisch zur Parteienverdrossenheit.
Parteien sollten mehr Umsicht walten lassen und auch eine etwaige Kurskorrektur in ihrem Parteiprogramm ins Auge zu fassen, vor allem dann, wenn der Volkszorn langsam hochkocht. Parteiengerangel, bei denen es um die Meinung einzelner Politiker und nicht um die Meinung des Volkes geht, verlieren an Zuspruch bei den Wählern. Wie sich mehrfach schon gezeigt hat, lässt sich der Bürger von den Politikern nicht mehr alles gefallen. Er wählt dann alternativ und emotional.
Der Klimawandel und die Pandemie bedeuteten zweifellos eine Bedrohung für alle Menschen, denn sie kamen langsam aber stetig an jeder Haustüre an. Die Massenproteste der jungen Generation bewirkten ein schnelleres Umdenken auch von Seiten der Politik und so kam schon vieles, was lange verschleppt wurde, schneller in Gang. Menschen sehen zwar durchaus ein, wenn etwas geändert werden muss, doch am Thema Umwelt wird sichtbar, wie verunsichert sie doch sind. Sie wollen eine schnelle Veränderung herbeiführen, sind aber auch auf Sicherheit bedacht. Wenn die zumeist träge Masse erst einmal in Bewegung kommt, wirbelt sie alles durcheinander, dann ist der Ausgang einer Wahl schon mal unvorhersehbar.
Der Wandel im Zeitgeist erfordert manchmal Opfer, die gebracht werden müssen, damit sich eine Situation wieder zum Besseren wandeln kann. Das Leben ist ein ständiges Auf und Ab, nichts bleibt für immer bestehen. Wer mit dem Strom fließen kann, den liebt das Leben.
Bitte denkt darüber nach.
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